5einhalb Leben

oder wie Oz fünf mal starb ohne jemals beerdigt zu werden…

Fünf Versionen von Oz blicken zu Gott hinauf – Symbol für persönliche Entwicklung, Krisen, Lebensphilosophie und die Erkenntnis, dass jeder Lebensabschnitt einen Menschen verändert.

Mit vierzig hatte Oz manchmal das Gefühl, nicht ein Leben gelebt zu haben, sondern fünf – und einige davon hätten rückblickend durchaus eine Warnung auf der Verpackung verdient.

Oz war nie wirklich ein Zauberer. Er besaß nur die erstaunliche Fähigkeit, seinen eigenen Illusionen so lange zu folgen, bis daraus entweder etwas Großes entstand oder die nächste Seifenblase direkt vor seinem Gesicht platzte. Meistens begann alles mit „Geil!“, entwickelte sich über „Doch nicht ganz so geil“ zu „FUCK!“ und endete schließlich in einer Art innerem Feierabend.

In seinem ersten Leben lernte Oz, dass man manchmal der Hund ist und manchmal der Baum – und dass Aufs Maul! nicht immer das schlechteste Bildungsprogramm sein muss.

Im zweiten Leben wurde aus ihm ein verliebter Volldepp, der so oft Ja sagte, bis er sich selbst kaum noch hören konnte. Als er endlich aufwachte, wurde er allerdings nicht sofort weise, sondern zunächst zum Hornochsen. Auch Erkenntnis braucht offenbar eine gewisse Einführungsphase.

Danach versuchte er sich als Multi-Level-Business-Hustler, weil Freiheit bekanntlich am besten funktioniert, wenn man zwölf Stunden täglich an ihr arbeitet. Hustler bleibt Hustler.

Als Papa Bär wollte er anschließend alles besser machen als die Generationen vor ihm und stellte fest, dass Kinderkacke auch dann Kinderkacke bleibt, wenn man sie pädagogisch schön verpackt.

Im fünften Leben landete Oz schließlich lost in the middle of nowhere – beruflich, emotional und wahrscheinlich auch ein wenig geistig. Kannst dir was aussuchen.

Fünfmal starb eine Version von ihm, und fünfmal blieb etwas zurück: eine Erkenntnis, ein Gegenpol und die leise Ahnung, dass die Wahrheit selten an den Extremen wohnt.

Vielleicht war es der Startschuss für sein letztes halbes Leben… keine Ahnung. Gestorben wird jetzt erstmal nicht mehr…

Aber lies selbst…



Das erste Leben - Aufs Maul!

Oz als Super-Saiyajin steht sinnbildlich für Stärke, Selbstbewusstsein, Kampfgeist und die Illusion, dass Unverletzlichkeit vor Schmerz schützt.

Oz’ erstes Leben begann im Kindergarten, also an jenem friedlichen Ort, an dem kleine Menschen spielerisch lernen sollen, miteinander zu teilen, Rücksicht zu nehmen und soziale Beziehungen aufzubauen. In der Praxis bedeutete das häufig, dass einer die Bauklötze hatte und ein anderer herausfinden musste, wie sich Hilflosigkeit anfühlt.

Oz gehörte eher zur zweiten Gruppe.

Er war kein großer Draufgänger, kein geborener Anführer und schon gar keiner dieser kleinen Kampfzwerge, die bereits beim Frühstück so aussahen, als hätten sie einen Termin zur feindlichen Übernahme des Sandkastens. Er war still, gutgläubig und vermutlich davon überzeugt, dass Menschen grundsätzlich freundlich miteinander umgingen, solange man ihnen keinen Grund gab, es nicht zu tun.

Eine schöne Illusion.

Sie hielt ungefähr bis zum Kindergarten.

Sein Vater bemerkte, dass der Junge etwas mehr Selbstbewusstsein gebrauchen konnte, und schickte ihn mit sechs Jahren in den örtlichen Taekwondo-Verein. Oz hatte keine Ahnung, was Taekwondo war, doch es klang zunächst wie eine asiatische Spezialität, die vermutlich mit Reis serviert wurde.

Stattdessen lernte er dort, wie man mit bloßen Füßen Dinge regelte, für die andere Menschen lange Gespräche benötigten.

Einige Jahre später stand in seinem Schulzeugnis, er müsse lernen, Konflikte nicht mit Fäusten, sondern mit Worten zu lösen. Die Lehrerin hatte damit selbstverständlich recht, übersah aber einen entscheidenden Punkt: Oz machte Taekwondo und benutzte seine Fäuste deshalb ohnehin nur äußerst ungern.

Er hatte schließlich Füße.

Aus dem Jungen, der sich nicht zu wehren wusste, wurde langsam ein Kämpfer. Zunächst lernte er, nicht mehr zurückzuweichen, später lernte er anzugreifen, und irgendwann stand er auf internationalen Wettkampfflächen, trug einen schwarzen Gürtel und trat unter deutscher Flagge fremden Menschen gegen den Kopf.

Offiziell nannte man das Leistungssport.

Oz nannte es sein erstes Leben.

Zum ersten Mal hatte er eine Rolle gefunden, die ihm wirklich zu gehören schien. Er bekam Aufmerksamkeit, Anerkennung und das Gefühl, etwas Besonderes zu sein. Die Menschen sahen nicht mehr den schüchternen Jungen, der sich hatte herumschubsen lassen. Sie sahen den Kämpfer.

Und Oz sah ihn ebenfalls.

So entstand seine erste große Illusion:

Wenn er nur stark genug wäre, könnte ihm niemand mehr etwas tun.

Diese Überzeugung funktionierte erstaunlich gut. Sie brachte ihn zum Training, wenn andere liegen blieben, ließ ihn tausende Wiederholungen absolvieren und half ihm, Schmerzen auszuhalten, die ein vernünftiger Mensch möglicherweise als freundlichen Hinweis des Körpers verstanden hätte.

Oz war allerdings nicht vernünftig.

Oz war Leistungssportler.

Man hatte ihm beigebracht, dass derjenige, der im Training 150 Prozent gab, es im Wettkampf leichter haben würde. Also gab er 150 Prozent. Am Morgen, am Abend und vermutlich noch ein paar Prozent während des Schlafens.

Das Problem war nur, dass sein Körper offenbar keine höhere Mathematik beherrschte. Manchmal stand Oz nach all dem Training im Wettkampf und war so erschöpft, dass selbst sein Ehrgeiz kurz überlegte, sich krankzumelden.

Doch Oz machte weiter, denn die Stärke hatte ihm etwas gegeben, das er vorher nicht besessen hatte: Sicherheit. Sie hatte aus einem Jungen, der sich ausgeliefert fühlte, einen Menschen gemacht, der handeln konnte.

Genau deshalb bemerkte er lange nicht, wann aus Stärke langsam Härte wurde.

Er kämpfte nicht mehr nur auf der Matte. Er kämpfte gegen Müdigkeit, Zweifel, Niederlagen und jedes Gefühl, das nicht zu der Version von ihm passte, die er sich mühsam aufgebaut hatte. Aufgeben war keine Option. Nachlassen klang verdächtig nach Schwäche. Und wer nicht gewann, hatte sich offenbar einfach noch nicht genug angestrengt.

Bis das Leben begann, ihm die Grenzen dieser Rechnung zu erklären.

Manchmal ist man der Hund und manchmal der Baum!

Oz als Hund und Baum zugleich – Symbol dafür, dass jeder Mensch im Leben sowohl Gewinner als auch Verlierer ist und beide Erfahrungen zur persönlichen Entwicklung gehören.

Oz gewann Kämpfe. Er verlor Kämpfe. Manchmal war er die Maschine, als die er sich gern betrachtete, und manchmal stand ihm jemand gegenüber, der offenbar mit einem besseren Motor ausgeliefert worden war.

Egal, wie gut er wurde: Irgendwo gab es immer einen, der schneller, stärker oder an diesem Tag schlicht besser war.

Manchmal ist man der Hund.

Und manchmal der Baum.

Diese Erfahrung kratzte zunächst ordentlich an seinem Stolz, doch mit der Zeit verstand Oz, dass Verlieren keine Fehlfunktion des Lebens war. Es gehörte dazu. Wer sich nur dann für stark hielt, wenn er gewann, war nicht stark, sondern abhängig vom Ergebnis.

Im Nachhinein ging es in diesem ersten Leben deshalb gar nicht wirklich ums Kämpfen. Es ging auch nicht ausschließlich ums Gewinnen oder Verlieren. Der Sport war ein Lernfeld, in dem Oz beide Seiten derselben Kraft kennenlernte.

Disziplin konnte ihn tragen, wenn Motivation fehlte. Sie konnte ihm helfen, über sich hinauszuwachsen und Dinge zu erreichen, die ohne Ausdauer nie möglich gewesen wären. Doch dieselbe Disziplin konnte ihn auch taub machen für Müdigkeit, Bedürfnisse und die Frage, ob ein Kampf überhaupt noch sinnvoll war.

Stärke konnte schützen.

Härte konnte zerstören.

Der Kämpfer starb deshalb nicht bei einem Wettkampf und auch nicht durch eine besonders schwere Niederlage. Er starb in dem Moment, in dem Oz verstand, dass eine Fähigkeit, die ihn einmal gerettet hatte, nicht automatisch jede Situation seines Lebens lösen konnte.

Nicht jeder Konflikt brauchte einen Sieger.

Nicht jede Grenze musste überschritten werden.

Und nicht jeder Schmerz war ein Beweis dafür, dass er weitermachen sollte.

Oz musste den Kämpfer nicht vollständig beerdigen. Dafür hatte dieser ihm zu viel beigebracht. Er durfte nur nicht mehr bei jeder Gelegenheit als Erster aufstehen und sofort die Handschuhe anziehen.

Aus dem schüchternen Jungen war kein unverwundbarer Mann geworden. Das war die nächste Illusion, die platzte.

Geblieben war etwas Nützlicheres: ein Mensch, der kämpfen konnte, wenn es notwendig war, und langsam lernte, geschmeidig zu bleiben, wenn es das nicht war.

Don’t go hard. Go smooth.


Das zweite Leben - Der verliebte Volldepp

Oz läuft einer Frau voller Verliebtheit hinterher – Symbol für Idealisierung, Anziehung, Beziehungsmuster und die Illusion der romantischen Liebe.

Oz’ zweites Leben begann in einer Diskothek, also an einem Ort, an dem Menschen unter schlechten Lichtverhältnissen, bei schlechter Musik und mit noch schlechterem Urteilsvermögen gelegentlich Entscheidungen treffen, die weit über den nächsten Morgen hinausreichen.

Dort stand diese Frau.

Nicht irgendeine Frau, sondern die erste, die ihm ganz offensichtlich zeigte, dass sie an ihm interessiert war. Kein Blick, den man erst drei Wochen später gemeinsam mit Freunden auswerten musste, sondern ein klares Signal.

Nice, dachte Oz.

Also ab dafür.

Sie landeten miteinander im Bett, und kurz darauf fragte er sie, ob sie auf seinen Hund aufpassen könne, während er mit seinen Freunden zum Snowboarden fuhr. Sie sagte Ja.

Der Sex war gut. Das „Ja, mach ich“ war möglicherweise noch besser.

Zum ersten Mal war da eine Frau, die nicht nur gelegentlich auftauchte, sondern voll am Start war: bei Wettkämpfen, im Alltag, bei Freunden und bald auch in nahezu jedem seiner Gedanken. Sie war immer bei ihm, immer mit ihm, und genau das fühlte sich nach jener Verbundenheit an, nach der Oz sich offenbar schon lange gesehnt hatte, ohne dafür besonders viele Worte zu besitzen.

Alles in seinem Kopf drehte sich um sie.

Als Kämpfer hatte Oz gelernt, dass man sich Dinge erarbeiten musste. Also übertrug er dieses Prinzip kurzerhand auf die Liebe: Wenn er genug gab, genug trug und oft genug Ja sagte, würde diese Beziehung halten.

Diese Illusion funktionierte zunächst hervorragend.

Je mehr er sich anpasste, desto weniger musste gestritten werden. Je häufiger er ihre Wünsche zu seinen erklärte, desto einiger wirkten beide. Sie tat es eine Zeit lang genau so. Solange beide die Kraft hatten es dem jeweils anderem Recht zu machen ging das ganze auch gespenstisch harmonisch zu.

Irgendwann sprachen sie über die Zukunft.

Heiraten. Kinder bekommen. Familie gründen.

Oz war eher so:

„Nee. Nicht unbedingt.“

Sie war eher so:

„Doch! Definitiv… auf jeden Fall!“

Darauf folgten viele gute Gründe, während Oz vor allem einen Grund hatte, der dagegen sprach: Er mochte diese Welt nicht sonderlich… die Menschen nicht, die Dynamiken nicht und auf Grund seiner Vergangenheit auch Kinder nicht.

Allerdings wusste er genauso wenig, welches andere Leben er stattdessen führen wollte. Er hatte eine Frau, eine Arbeit und einen halbwegs funktionierenden Alltag. Was sollte also schiefgehen?

Eine ganze Menge, aber das stand nicht im Kleingedruckten.

Oz spürte, dass sie bei diesen Themen wesentlich klarer war als er. Sie wollte heiraten und Kinder bekommen, und wenn nicht mit ihm, dann möglicherweise irgendwann mit jemand anderem.

Das wollte er noch weniger.

Also sagte er Ja.

Nicht aus voller Überzeugung und auch nicht unter offenem Zwang, sondern aus jener gefährlichen Mischung aus Liebe, Bequemlichkeit, Verlustangst und fehlender Klarheit, die Menschen später gern als Kompromiss bezeichnen.

Sie heirateten und bekamen Kinder.

Von außen sah es nach einem gelungenen Leben aus. Von innen begann Oz langsam zu verschwinden.

Er blieb der Beziehung treu und zusätzlich baute er sich ein Paralleluniversum auf in dem er er selbst sein konnte. Zu Hause war sie der Chef in seine Paralleluniversum war er der Chef.

Die Aufgabe seiner selbst-geschaffenen Welt war der Anfang vom Ende!

Nicht weil die Liebe falsch war. Nicht weil Hochzeit oder Kinder ein Fehler waren. Sondern weil zwei Menschen, zwei parallel-laufenden Leben führten und zwei Leben für einen Menschen definitiv etwas zu viel ist. Sie sind losgelaufen ohne vorher herauszufinden, ob die eigenen Füße überhaupt in diese Richtung gehen wollten.

und wie er zum Hornochse wurde…

Oz als Hornochse rennt mit voller Kraft gegen eine Mauer – Symbol für Selbstaufgabe, Verantwortung, Leistungsdruck und das Festhalten an einem Lebensmodell, das nicht mehr funktioniert.

Dann kam der Struggle.

Oz war verheiratet, hatte ein Kind und später ein zweites. Mit der Familie wuchsen nicht nur Liebe, Verantwortung und Wäscheberge, sondern auch sein Anspruch an sich selbst.

Er wollte den Familienunterhalt verdienen. Allerdings nicht nur irgendwie und nicht lediglich so, dass am Monatsende alle satt waren und das Licht noch funktionierte. Er wollte mehr schaffen, mehr ermöglichen und seiner Familie ein Leben bieten, das größer war als das bloße Durchkommen.

Also ackerte er los.

Seine Grenzen? Unwichtig.

Der Plan stand.

Let’s fetz.

So begann die erste Hornochsenphase.

Er folgte seiner Frau, verkaufte das Paralleluniversum das vorher noch zu Hause für die ganze Familie war und startete ein neues Projekt. Ein Projekt das mehr Geld, weniger Verbindlichkeiten und mehr Freiheit versprach.

Aus seiner Sicht tat er alles für sie.

Nur war er dabei immer seltener bei ihnen.

Sein Körper war zwar jetzt zu Hause, während sein Kopf noch mit den Projekten beschäftigt war, Probleme löste und dem nächsten Ziel hinterherrannte. Er war bei seinem Anspruch, bei seinen Plänen und vor allem bei dem Satz:

„Wenn ich das geschafft habe, dann …“

Dann würde es ruhiger werden. Dann hätte er mehr Zeit. Dann wäre er endlich wirklich da.

Das „Dann“ bewegte sich allerdings mit erstaunlicher Ausdauer immer weiter von ihm weg.

Seine Frau wurde lauter. Nicht weil Oz sie nicht hörte, sondern weil er ihre Worte in seinem Kopf unter „berechtigt, aber gerade ungünstig“ ablegte.

Irgendwie hatte sie recht.

Irgendwie aber auch nicht.

Er arbeitete für die Familie. Sie wollte, dass er in der Familie anwesend war. Beide kämpften für dasselbe und standen sich dabei zunehmend im Weg.

Etwas starb. Sie gab ihn auf…

Damit starb auch er.

Denn Oz verlor nicht nur ein Unternehmen, sondern einen großen Teil jener Identität, die er sich über Jahre aufgebaut hatte. Das Konstrukt, das er für die Familie erschaffen hatte, war nicht das Lebensmodell seiner Frau. Also gab er es auf, um das gemeinsame Leben zu retten.

Nur wusste er anschließend nicht mehr, welches Leben eigentlich noch seines war.

Als ihm zu Hause die Decke auf den Kopf fiel, begann Hornochsenphase Nummer zwei.

Sie Dickkopf. Starke Meinung und nach vielen Jahren der Anpassung wenig kompromissbereit…

Er Hornochs. Starke Meinung und nach vielen Jahren der Aufopferung für die Familie ebenso wenig kompromissbereit…

Zwei Menschen, zwei Wertesysteme, zwei Lebensmodelle, zwei starke Charaktere und vor allem zwei Personen mit ausgeprägter Boss-Attitude, die beide glaubten, inzwischen ziemlich genau verstanden zu haben, was falsch lief.

Das war kein Spaß mehr.

Auf der einen Seite standen die Kinder, das Haus und das Leben, das sie gemeinsam aufgebaut hatten. Auf der anderen Seite wuchs die Erkenntnis, dass vieles davon auf Annahmen beruhte, die nie wirklich ausgesprochen worden waren.

Oz hatte sich eingeredet, dass all seine Arbeit der Familie diente.

Sie hatte ihre eigene Vorstellung davon, wie Familie funktionieren sollte.

Beide Geschichten enthielten Wahrheit.

Keine von beiden war die ganze Wahrheit.

Und in dem Raum dazwischen sammelte sich Wut.

Oz begann, sich mit Kommunikation, passiver Aggressivität, Macht, Manipulation und den unterschiedlichen Formen von Gewalt in Beziehungen auseinanderzusetzen. Plötzlich erkannte er Muster, die vorher unsichtbar gewesen waren: Druck, Schweigen, Abwertung, Schuldzuweisungen, emotionale Erpressung und all die kleinen Machtspiele, für die Menschen keine Fäuste brauchen.

Es war augenöffnend. Er war nicht nur Täter, er war auch Opfer…

Nur machte Erkenntnis ihn nicht sofort weise.

Sie machte ihn zunächst wütend.

Aus dem Mann ohne Grenzen wurde ein Mann, der überall Grenzverletzungen entdeckte. Aus dem Ja-Sager wurde ein Nein-Brüller, und aus dem verliebten Volldepp wurde endgültig ein Hornochse, der mit seinem neuen psychologischen Wissen auf sein Umfeld losging, als hätte man ihm nach Jahren ohne Verteidigung endlich wieder eine Waffe in die Hand gedrückt.

Er wollte alles benennen, aufdecken und richtigstellen.

Dabei lernte er eine weitere unangenehme Wahrheit: Auch Wahrheit kann Gewalt werden, wenn man sie einem Menschen mit voller Wucht gegen den Kopf schlägt.

Der verliebte Volldepp starb, als Oz begriff, dass Liebe nicht verlangt, sich selbst zu verlassen.

Der Hornochse starb, als er verstand, dass Grenzen nicht dazu da sind, jeden Menschen auszusperren.

Der eine sagte zu oft Ja, weil er Angst hatte, jemanden zu verlieren. Der andere sagte zu allem Nein, weil er Angst hatte, sich selbst erneut zu verlieren.

Die Mitte lag dazwischen.

Oz musste lernen, zuerst ehrlich zu sich und anschließend ehrlich zu anderen zu sein. Auch dann, wenn diese Ehrlichkeit eine Beziehung veränderte oder einen Menschen kostete. Denn alles, was nur durch Druck, Manipulation oder Halbwahrheiten zusammengehalten wird, gehört einem nie wirklich.

Liebe durfte bleiben.

Grenzen auch.

Nur der grenzenlose Volldepp und der wütende Hornochse mussten gehen.


Das dritte Leben – Der Multi-Level Business Hustler

Der Masterplan! Einen Plan, der weniger Arbeit, mehr Geld und gleichzeitig ausreichend Zeit für seine Frau, seine Kinder, das Haus und vermutlich auch noch einen entspannten Sonntagnachmittag vorsah.

Kurz gesagt: die eierlegende Wollmilchsau unter den Lebensmodellen.

Also nahm Oz Kurs auf das Freiheitsbusiness.

Abfahrt!

In dieser Zeit las er die 4-Stunden-Woche und entdeckte in den sozialen Medien zahlreiche Menschen, die offenbar genau das Leben führten, nach dem er suchte. Sie arbeiteten mit einem Laptop am Strand, reisten durch die Welt und verdienten angeblich Geld, während sie schliefen.

Oz schlief ebenfalls.

Allerdings hauptsächlich vor Erschöpfung ein.

Trotzdem glaubte er diesen Menschen, denn einige von ihnen waren tatsächlich dort angekommen, wo er hinwollte. Was er dabei übersah: Die meisten waren Anfang oder Mitte zwanzig, hatten keine Kinder, kein Haus, kaum Verbindlichkeiten und konnten ihre gesamte geistige und körperliche Energie in ein einziges Projekt stecken.

Kannste machen.

Als junger Wilder.

Oz fühlte sich zwar noch immer wie einer, besaß aber inzwischen die organisatorische Infrastruktur eines mittelständischen Familienunternehmens. Zwei Kinder, eine Ehe, laufende Kosten und ein Alltag, der sich nur begrenzt dafür interessierte, ob er gerade an seinem persönlichen Durchbruch arbeitete.

Reisen und mit dem Laptop auf Bali sitzen musste er gar nicht unbedingt. Was er wollte, waren Zeit und Geld: Zeit für seine Kinder, seine Frau und das gemeinsame Leben – und genug Geld, um genau dieses Leben zu finanzieren.

Seine neue Illusion lautete:

Wenn er sich jetzt richtig reinhängte, würde er später frei sein.

In einem Jahr, so stellte er es sich vor, würde der Rubel rollen. Dann hätte er ein Business aufgebaut, das nur noch drei oder vier Stunden Arbeit am Tag benötigte und trotzdem genügend Geld abwarf.

Ein guter Plan.

Zumindest auf Instagram.

Oz begann, sich mit Online-Marketing, Geschäftsmodellen, Coachings und all den Menschen zu beschäftigen, die ihm erklärten, wie einfach Erfolg sein konnte, wenn man nur das richtige Mindset, das richtige System und zufälligerweise ihr neuestes Programm besaß.

Zwischendrin kam noch bisschen Corona… wovon er nicht viel mitbekam.

Sein Optimismus - das allzu hochgelobte “positive mindset” war wieder voll am Start.

Er glaubte nicht jedem Vogel.

Aber erstaunlich vielen. Außer seiner Frau…

Oz als Business Hustler mit mehreren Armen – Symbol für Leistungsdruck, Selbstständigkeit, Multi-Tasking und die Illusion, Freiheit durch immer mehr Arbeit erreichen zu können.

Einige erzählten ihm, er müsse groß denken. Andere sagten, er müsse nur seiner Leidenschaft folgen. Wieder andere erklärten, dass Geld eine Form von Energie sei, die vor allem dann zu ihm fließen würde, wenn er zuvor 6.666 Euro in ihre Mastermind investierte.

Oz arbeitete also an seiner Freiheit.

Zwölf Stunden am Tag.

Manchmal länger.

Das Ziel war ein Drei- bis Vier-Stunden-Tag. Das Ergebnis war ein Arbeitsalltag, in dem er diese vier Stunden häufig bereits vor dem Frühstück erledigt hatte.

Er wollte mehr Zeit für seine Kinder und war irgendwann so müde, dass er zwar körperlich neben ihnen saß, geistig aber noch Funnel baute, Angebote plante oder darüber nachdachte, wie er möglichst wenig arbeiten und dabei möglichst viel verdienen konnte.

Alles drehte sich um dieselbe Frage:

Wie schaffte er es, Zeit, Geld und Energie für seine Familie zu gewinnen?

Die Antwort bestand vorübergehend darin, sämtliche vorhandene Zeit, fast alles verfügbare Geld und seine gesamte Energie in den Aufbau eines Geschäfts zu stecken.

Oz schoss sich damit noch weiter aus dem Leben als zuvor.

Hustler bleibt Hustler!

Irgendwann bemerkte Oz, dass sich sein neues Freiheitsbusiness verdächtig nach seinem alten Arbeitsleben anfühlte. Nur dass er jetzt nicht mehr für einen Arbeitgeber oder seine Mitglieder hustelte, sondern sich selbst morgens zur Arbeit trieb und abends erklären musste, warum der Chef schon wieder keine vernünftigen Arbeitszeiten eingehalten hatte.

Hustler bleibt Hustler.

Ob angestellt oder selbstständig, mit Hemd im Büro oder barfuß am Laptop: Wer glaubt, seinen eigenen Wert ständig durch Leistung beweisen zu müssen, baut sich aus nahezu jedem Geschäftsmodell denselben Käfig.

Oz’ Käfig hatte lediglich WLAN und ein motivierendes Zitat an der Wand.

Der Gegenpol zur ersehnten Freiheit war totale Vereinnahmung. Aus Ehrgeiz wurde Erschöpfung, aus einer Vision wurde Tunnelblick und aus dem Wunsch, mehr Zeit für die Familie zu schaffen, entstand ein Leben, in dem für die Familie noch weniger von ihm übrig blieb.

Dann platzte die nächste Seifenblase.

Etwas starb.

Damit starb auch der Multi-Level-Business-Hustler.

Nicht weil Selbstständigkeit falsch war oder weil es sich nicht lohnte, für eine Idee zu arbeiten. Oz begriff vielmehr, dass eine Vision nicht automatisch sinnvoll wird, nur weil sie Freiheit verspricht. Auch der Weg in die Unabhängigkeit kann zur Abhängigkeit werden, wenn man alles andere dafür opfert.

Er lernte, dass Aufbau Zeit braucht. Wer etwas schnell erschaffen will, benötigt viel Geld, viel Unterstützung oder ausgesprochen viel Glück. Fehlt das Geld, bezahlt man meist mit Zeit. Fehlt auch die Zeit, bezahlt man mit Energie, Beziehungen und Gesundheit.

Und irgendetwas bezahlt immer.

Oz musste seine Ambition nicht beerdigen. Sie hatte ihm Mut, Ideen und die Fähigkeit gegeben, Dinge aus dem Nichts aufzubauen. Er musste nur aufhören, für jede neue Vision sein gesamtes Leben als Einsatz auf den Tisch zu legen.

Nicht jede Komfortzone war ein Gefängnis.

Manche war schlicht ein Zuhause.

Ein wenig Sicherheit gab ihm Frieden. Frieden erlaubte Regeneration, und Regeneration sorgte dafür, dass er überhaupt noch die Kraft besaß, etwas Neues zu erschaffen.

Oz lernte deshalb, nicht mehr hundert Prozent aus seiner Komfortzone zu springen, nur weil irgendein Business-Coach behauptete, dort beginne das Leben.

Manchmal reichten fünfundzwanzig Prozent vollkommen aus.

Der Hustler durfte bleiben, wenn es Zeit war, anzupacken.

Er durfte nur nicht mehr rund um die Uhr das Unternehmen führen.

Vor allem nicht das Unternehmen namens Oz.


Das vierte Leben – Papa Bär

Oz als Papa Bär mit seinen Kindern – Symbol für Vaterschaft, Verantwortung, bedingungslose Liebe und die Herausforderungen der Kindererziehung.

Oz’ viertes Leben begann mit einer der größten Täuschungen des Erwachsenenlebens: der Vorstellung, dass man durch die Geburt eines Kindes automatisch zu einem Vater wird.

Biologisch mag das stimmen.

Praktisch bekommt man erst einmal ein kleines, lautstarkes Wesen überreicht, das weder Bedienungsanleitung noch Rückgaberecht besitzt und dessen wichtigste Kommunikationsmittel aus Schreien, Schlafentzug und dem gezielten Verteilen körperlicher Flüssigkeiten bestehen.

Oz war also Vater.

Zumindest stand das irgendwo auf der Geburtsurkunde.

Ob er auch wusste, wie das ging, war eine andere Frage.

Wie fast alle Menschen schaute er zunächst auf sein eigenes Elternhaus. Seine Eltern hatten vieles gut gemacht, einiges anders gemacht und manches getan, von dem Oz sich sicher war, dass er es bei seinen Kindern nicht wiederholen wollte.

Das ist vermutlich eines der wichtigsten Naturgesetze der Erziehung:

Jede Generation erklärt die vorherige für leicht beschädigt und produziert anschließend mit bestem Gewissen vollkommen neue Schäden.

Oz wollte natürlich so manche Sachen besser machen als sein Vater.

Mehr Nähe. Mehr Gespräche. Mehr Verständnis. Mehr Freiheit. Mehr emotionale Verfügbarkeit.

Was genau „emotionale Verfügbarkeit“ im Alltag bedeutete, wenn zwei Kinder gleichzeitig schrien, die Nudeln überkochten und irgendwo eine Zahnbürste in der Toilette lag, erklärte ihm allerdings niemand.

Seine Illusion lautete:

Wenn er die Fehler seiner Eltern vermied, würden seine Kinder weniger Fehler davontragen.

Das klang logisch.

War es aber nur teilweise.

Denn unsere Eltern wollten meistens ebenfalls das Beste für uns. Leider wollten sie das Beste aus ihrer eigenen Sicht, geprägt von ihren Erfahrungen, Ängsten, Werten und den Dingen, die ihnen selbst gefehlt hatten.

Oz machte es nicht anders.

Er wollte das Beste für seine Kinder – aus seinem Kopf heraus.

Und gelegentlich auch aus dem Anspruch der Mutter heraus.

Hatte ein Mensch in seiner Kindheit zu wenig Halt erlebt, neigte er später dazu, seine eigenen Kinder so gründlich festzuhalten, dass sie sich kaum noch bewegen konnten. Hatte er sich früher kontrolliert gefühlt, gewährte er womöglich so viel Freiheit, dass die Kinder sich irgendwann fragten, ob eigentlich noch jemand zuständig war.

Aus fehlendem Halt wird nicht selten der Helikopter.

Aus zu viel Kontrolle wurde laissez-faire mit WLAN.

Aus „Früher hat uns das auch nicht geschadet“ wurde „Wir müssen jedes Gefühl vollständig ausdiskutieren, bevor jemand seine Jacke anzieht“.

Oz gehörte als Millennial zu jener Generation, die zwischen zwei Welten feststeckte. Er kannte noch die alte Schule, in der ein aufgeschlagenes Knie mit „Ist doch nichts passiert“ behandelt wurde, und gleichzeitig die neue Welt, in der man gemeinsam erörterte, welche Botschaft das Knie möglicherweise an das Nervensystem senden wollte.

Seine Kinder bekamen deshalb das Beste aus beiden Welten.

Leider manchmal auch das Schlimmste.

Kinderkacke schön verpackt

Oz als Papa Bär mit zwei Gesichtsausdrücken – Symbol für die zwei Seiten der Vaterschaft: Verantwortung und Ernst auf der einen, Leichtigkeit, Nähe und Freude auf der anderen Seite.

Es gibt Menschen, die sind gerne Mutter oder Vater.

Es gibt Menschen, die sind gerne Mutter oder Vater, aber nicht so, wie die Gesellschaft es sich in ihren Hochglanzbroschüren vorstellt.

Und es gibt Menschen, bei denen man sich fragt, ob eine Zimmerpflanze als Einstieg nicht sinnvoller gewesen wäre.

Auf Oz traf je nach Tageszeit ungefähr alles zu.

Papa Bär sein war der anspruchsvollste Job, den Oz bisher gemacht hatte.

Im Leistungssport gab es wenigstens Regeln.

Im Unternehmertum gab es Zahlen.

Bei Kindern gab es plötzlich Gründe wie:

„Ich kann nicht schlafen, weil mein Kuscheltier traurig guckt.“

Darauf bereitete einen keine Ausbildung vor.

Oz wollte seine Kinder glücklich machen, er wollte Spaß mit ihnen haben, doch das Leben als Papa Bär hatte zwei Aspekte. Der Aspekt der Verantwortung und Kontrolle und der Aspekt der Lebensfreude. Er konnte Verantwortung übernehmen wurde aber sehr ernst, er konnte Spaß haben und wurde dabei sehr locker. Er konnte das alles so weit treiben das keiner mehr so richtig verstand wann aus Spaß dann letztendlich Ernst wurde.

Hätte ihm damals jemand gesagt, dass ein Kind weder bespaßt noch kontrolliert werden muss sondern das es einfach reicht da zu sein hätte er es wahrscheinlich noch nicht kapiert.

Manchmal müssen Eltern wie Kinder schlichtweg ihre Erfahrungen machen.

Die Schwierigkeit bestand nicht darin, immer richtig zu handeln.

Die Schwierigkeit bestand darin, zur richtigen Zeit die passende Ressource auszupacken, während man selbst müde, gereizt und nicht immer ganz sicher war, wo man neben alter Schule, moderner Psychologie und New-Age-Elternratgebern eigentlich noch den eigenen Kopf abgelegt hatte.

Oz versuchte es… irgendwie.

Manchmal hielt er Vorträge, die pädagogisch vollkommen korrekt waren, während seine Kinder gedanklich bereits beim nächsten Unsinn ankamen.

Irgendwann begriff er, dass Kinder nicht unbedingt einen perfekten Vater brauchten.

Sie brauchten einen, der hinschaute.

Wenn eines seiner Kinder zu ihm kam und sagte: „Das war Kacke, Papa“, wollte Oz nicht mehr sofort erklären, rechtfertigen oder die pädagogischen Hintergründe seines Fehlverhaltens aufarbeiten.

Er wollte zuhören.

Denn es gibt kaum etwas Anstrengenderes als Eltern, die ihre Fehler nicht eingestehen können, außer vielleicht Kinder, die dieselben Fehler mit voller Lautstärke kommentieren.

Oz lernte, dass Dasein nicht bedeutete, für jedes Problem eine Lösung zu haben. Manchmal bedeutete es, ein Gefühl auszuhalten, ohne es wegzureden, zu bewerten oder mit einer Lebensweisheit zu erschlagen.

Der Papa Bär starb in dem Moment, in dem Oz verstand, dass er seine Kinder nicht vor dem Leben schützen konnte.

Etwas starb.

Damit starb auch er.

Nicht seine Liebe zu ihnen, sondern die Vorstellung, er müsse jede Verletzung verhindern, jeden falschen Weg erkennen und jede Erfahrung vorab pädagogisch absichern.

Er konnte seine Kinder aufklären.

Er konnte ihnen beide Seiten zeigen: das Schwarze und das Weiße, die Vorteile und die Risiken, den Zauber und die möglichen Trümmer.

Er konnte ihnen erzählen, dass manche Dinge, die einem zunächst alles geben, einen später trotzdem zerbrechen können. Die Liebe war so ein Kandidat.

Am Ende würden sie ohnehin machen, was sie wollten.

So wie Oz.

So wie seine Eltern.

So wie Menschen das seit Generationen tun, obwohl jede neue Generation fest davon überzeugt ist, diesmal klüger zu sein.

Die Mitte bestand deshalb nicht aus perfekter Erziehung.

Sie bestand aus Beziehung.


Das fünfte Leben – Lost in the Middle of Nowhere

Oz steht verloren an einer Weggabelung mitten im Nirgendwo – Symbol für Lebenskrisen, Orientierungslosigkeit, Selbstfindung und den Mut zu einem Neuanfang.

Oz zog aus dem gemeinsamen Haus aus und nahm erstaunlich wenig mit für einen Mann, der dort einmal seine Zukunft untergebracht hatte.

Eigentlich packte er nur seine Klamotten und ein paar Trainingsgeräte die übrig geblieben waren sowie die unangenehme Erkenntnis, dass man ein gemeinsames Leben zwar räumen kann, aber nicht einfach in beschriftete Umzugskartons bekommt. Für „gescheiterte Ehe“, „Schuldgefühle“ und „Wer bin ich jetzt eigentlich?“ gab es im Baumarkt leider keine passenden Kisten.

Die Ehe war am Ende, sein Business ging den Bach runter und finanziell begann eine Phase, in der selbst ein Blick aufs Konto als mutige Form der Konfrontationstherapie gelten konnte. Oz war nervlich, psychisch und wirtschaftlich auf einem Stand angekommen, bei dem man nicht mehr von einer schwierigen Phase sprach, sondern eher von einem Totalschaden.

Er war nicht einfach traurig.

Er schwankte zwischen manischen Höhen und depressiven Tiefen, wobei „Schwankung“ noch fast nach einem gemütlichen Schaukelstuhl klingt. In den manischen Phasen baute Oz sich neue Paralleluniversen, entwickelte Projekte, erfand Geschäftsmodelle und war überzeugt, kurz vor dem großen Durchbruch zu stehen. In diesen Welten war alles möglich, solange niemand nach Zahlen, Schlaf oder einem realistischen Zeitplan fragte.

Dann kippte es.

In den depressiven Phasen blieb von all den großartigen Plänen kaum mehr übrig als ein Mann, der sich schämte, sich schuldig fühlte und zeitweise nicht wusste, ob er überhaupt noch Teil dieser Welt sein wollte.

Seine Illusion lautete:

Wenn er nur schnell genug ein neues Leben erschuf, musste er das alte nicht betrauern.

Das funktionierte ungefähr so gut, wie ein brennendes Haus mit einer Duftkerze gemütlicher machen zu wollen.

Oz war (arbeits-)suchend, aber eigentlich suchte er weit mehr als Arbeit. Er suchte Halt, Bedeutung und einen Grund, morgens aufzustehen, der über Miete, Unterhalt und die Vermeidung weiterer Mahnungen hinausging.

Denn wofür sollte er arbeiten?

Für wen?

Für was?

Nur fürs Geld?

Nur damit am Monatsende alle Verpflichtungen erfüllt waren und von ihm selbst wieder ein Stück weniger übrig blieb?

Er hatte über die Jahre erstaunlich viele Fähigkeiten gesammelt. Er konnte beraten, verkaufen, schreiben, trainieren, organisieren, entwickeln, motivieren und vermutlich auch noch eine mittelgroße Katastrophe moderieren, solange sie nicht seine eigene war.

Es fehlte ihm nicht an Können.

Es fehlte ihm an Richtung.

Kannst dir was aussuchen!

Oz steht vor verschiedenen Lebensmodellen in Seifenblasen – Symbol für Orientierung, Selbstfindung, Entscheidungen und die Suche nach dem eigenen Weg im Leben.

Das verdammte Leben ist ein Wunschkonzert… oder etwas doch nicht?

Die Möglichkeiten waren theoretisch riesig. Praktisch fühlten sie sich an wie zwanzig Türen in einem brennenden Flur, hinter denen überall jemand rief: „Hier entlang!“

Oz konnte wieder gründen, sich anstellen lassen, beraten, coachen, schreiben, therapieren oder etwas völlig Neues beginnen. Er konnte sich entscheiden.

Genau das war das Problem.

Jede Möglichkeit brachte die Gefahr mit sich, erneut falsch abzubiegen. Also prüfte, analysierte und verwarf er, bis selbst kleine Entscheidungen das Gewicht einer Staatsreform bekamen.

Dabei fühlte er sich nirgendwo zu Hause. Nicht mehr im alten Haus, noch nicht in seinem neuen Leben und manchmal nicht einmal in sich selbst.

Dann dachte er an seine Kinder.

Nicht als romantische Rettungsleine und auch nicht als Begründung dafür, jeden Schmerz wortlos auszuhalten. Aber als Erinnerung daran, dass sein Leben trotz allem Wirkung hatte.

Wenn er schon nicht wusste, wofür er lebte, dann konnte er wenigstens zunächst dafür sorgen, dass er blieb.

Etwas starb.

Damit starb auch der Mann, der glaubte, seinen eigenen Wert erst durch Erfolg, Familie oder eine klare Aufgabe beweisen zu müssen.

Zurück blieb kein geheilter Oz und schon gar kein erleuchteter Zauberer. Zurück blieb ein ziemlich müder Mensch mit Schuld, Scham, Fähigkeiten und noch immer viel zu vielen Möglichkeiten.

Aber er war da. Er schaffte es Schritt für Schritt heraus aus dem Chaos.

Wenn er darauf achtete das er den wichtigsten Step immer wieder findet… nämlich der zurück in die eigenen Mitte!


Das letzte halbe Leben - Jetzt wird gelebt!

Oz hatte fünf Leben gebraucht, um etwas zu verstehen, das ihm bei seiner Geburt ruhig jemand hätte erklären können:

Du kommst auf die Welt, bekommst einen Körper und sollst damit irgendwie durchs Leben fahren.

Eine Art Fahrzeug.

Mit Motor, Warnleuchten, eigenwilliger Elektronik und einem Nervensystem, das gelegentlich Alarm schlägt, obwohl auf der Straße nur eine harmlose Mülltonne steht.

Einen Führerschein gibt es nicht.

Stattdessen setzt man dich ans Steuer, zeigt ungefähr in Richtung Zukunft und sagt: „Na dann mal los.“

Also fährt man.

Zunächst im ersten Gang, weil man noch nicht weiß, dass es weitere gibt. Man tritt gleichzeitig auf Gas und Bremse, verwechselt Rückwärtsgang mit Vorwärtsbewegung und knallt vor lauter Aufregung links und rechts gegen die Leitplanke.

Gut, dass es die gibt.

Ohne Leitplanken wäre Oz vermutlich schon in seinem ersten Leben aus der Kurve geflogen.

Im zweiten hätte er das Lenkrad freiwillig jemand anderem überlassen, weil diese Person wesentlich sicherer wirkte und offenbar wusste, wohin die Reise gehen sollte. Im dritten Leben trat er das Gaspedal so lange durch, bis der Motor qualmte. Im vierten versuchte er, gleichzeitig sein eigenes Fahrzeug und das seiner Kinder zu steuern, obwohl die längst selbst am Lenkrad zogen. Und im fünften stand er irgendwo auf einem verlassenen Parkplatz, betrachtete sämtliche möglichen Straßen und wusste nicht mehr, welche davon überhaupt seine war.

Jetzt hatte Oz zwar noch immer keinen offiziellen Führerschein fürs Leben, aber immerhin ein paar Kilometer Erfahrung.

Er wusste, dass er kämpfen konnte, ohne jeden Menschen zum Gegner machen zu müssen. Er konnte lieben, ohne sich selbst auf dem Beifahrersitz zu vergessen. Er durfte ehrgeizig sein, ohne sein gesamtes Leben als Treibstoff zu verbrennen. Er konnte Vater sein, ohne seine Kinder vor jeder Kurve und jedem Schlagloch zu bewahren.

Und er konnte eine Richtung wählen, obwohl kein Schild garantierte, dass sie richtig war.

Das letzte halbe Leben sollte deshalb kein Leben voller endgültiger Antworten werden. Oz hatte inzwischen verstanden, dass endgültige Antworten meistens nur Fragen waren, die sich sehr selbstbewusst angezogen hatten.

Er wollte das Spiel spielen.

Denn das Leben war nun einmal ein Spiel mit merkwürdigen Regeln, wechselnden Mitspielern und einem Schiedsrichter, der häufig erst nach dem Foul erklärte, was eigentlich verboten gewesen war.

Also: Scheiß drauf.

Play the game.

Oz wusste inzwischen auch, dass Authentizität in der Gesellschaft eine interessante Angelegenheit war. Alle sprachen davon, man solle unbedingt man selbst sein, solange dieses Selbst höflich, berechenbar und mit den Erwartungen der anderen kompatibel blieb.

Die vollkommen ungefilterte Wahrheit wollte kaum jemand hören.

Meistens nicht einmal Oz selbst.

Also legte er sich eine authentische Maske zu. Keine falsche Persönlichkeit, sondern eine gesellschaftstaugliche Version seines echten Gesichts. Eine Maske, mit der er arbeiten, lieben, verkaufen, sprechen und gelegentlich so tun konnte, als hätte er alles unter Kontrolle.

Entscheidend war nicht, dass er jede Maske ablegte.

Entscheidend war, dass er wusste, welche er gerade trug.

Oz blickt gelassen in die Zukunft, während Superheldenanzug und Bärenkostüm hinter ihm hängen – Symbol für Authentizität, persönliche Entwicklung, bewusste Rollen und die innere Mitte.

Und dass er am Abend in den Spiegel schauen konnte, ohne sich fragen zu müssen, wer dieser Typ eigentlich war.

Oz musste nicht mehr auf jede Meinung reagieren, jeden Konflikt gewinnen oder jeden Menschen überzeugen. Er hatte inzwischen genügend Werkzeuge gesammelt, um mit dem umzugehen, was andere sagten, dachten oder taten.

Nicht immer elegant.

Aber meistens geschmeidig.

Hin und wieder müssen Dinge geklärt werden.

Manchmal ist er immer noch wütend über die Welt und deren Menschen…

Gelegentlich ist er zu schnell und dann wieder zu langsam…

Mal scheint er hell, mal ist ihm dunkel zu mute…

Doch er ist fein…

Fein mit sich und fein mit dem was abgeht.

Jetzt.

Er hat Ziele und mag sein Leben trotzdem so wie es ist!

Manchmal lebt er im Moment, manchmal in der Zukunft und ja auch immer wieder mal in der Vergangenheit.

Er lebt und liebt bewusster, echter und vor allem präsenter!

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Dieser Oz